Über die Geschwindigkeit des Lebens

Wohin treibt unsere Gesellschaft?

Der Schriftsteller Lukas Bärfuss hielt im Rahmen der „Lenzburger Reden“ des Stapferhauses Lenzburg eine engagierte Rede über die Wahrnehmung von Zeit, Gurkensalat und die Richtungslosigkeit unserer Gesellschaft.

 

Zur vierten „Lenzburger Rede zur Zeit“ erhielt mit Schriftsteller Lukas Bärfuss die Kultur das Wort. Zum „Nachdenken jenseits von Klischees“ lud Nationalrätin Corina Eichenberger die auf Schloss Lenzburg zahlreich versammelten Zuhörer ein, denn die „Lenzburger Reden“ verstehen sich als „Kontrapunkt zur oftmals von Effekthascherei geprägten Kommunikationskultur“. Als Instanz für nicht beantwortbare Gegenwartsfragen bekam Lukas Bärfuss vom Stapferhaus die Aufgabe, sich mit dem Phänomen der Zeitwahrnehmung auseinander zu setzen.

 

Geschwindigkeit definiert sich über Weg und Zeit. Anhand eines Fragmentes des vorsokratischen Philosophen Parmenides erörterte der Schriftsteller Lukas Bärfuss einige grundsätzliche Probleme bei der Definition von Zeit. Gibt es sie überhaupt? Oder ist sie eine Illusion? Ist die Welt als Ganzes statisch oder bewegt? Hat die Zeit einen Anfang und ein Ende? Eine Frage, die unter anderem die Kosmologen bis heute beschäftigt.

Nach diesen Ausführungen stellte er die Frage, ob Geschwindigkeit ein Wert an und für sich oder ob sie nicht vielmehr eine Funktion der Richtung sei. „Wer aber nicht weiss, wohin er will, für den ist jede Richtung eine falsche Richtung, gleichgültig, wie schnell er sich bewegt.“, so Bärfuss.

 

Er ist der Ansicht, dass die moderne Gesellschaft nicht zuerst schnell oder langsam sei, sondern vor allem orientierungslos. Die Geschwindigkeit der modernen Zeit sei deshalb eher die Geschwindigkeit der Achterbahn, als jene eines Transportmittels. Aber warum wissen wir nicht, in welcher Richtung wir uns bewegen sollen? Die Generation von `68 schaffte die überkommenen Werte wie Familie, Armee und Staat ab, doch es gelang ihr nicht, andere verbindliche Werte zu etablieren. Jeder sei bei der Erstellung seines Lebensplanes auf sich alleine gestellt. Und diese individualisierten Subjekte seien ein gefundenes Fressen für die andere Revolution – die des Neoliberalismus.

 

„'Macht aus dem Staat Gurkensalat'– der Spontispruch aus den Jugendunruhen von 1980 ist zugleich das Credo der Neoliberalen.

 

Die Zusammenarbeit dieser Kampfbewegun-gen ist eine der Gründe für die gegenwärtige Desavouierung des politischen Denkens.“

 

 

 

Bärfuss wies darauf hin, dass seine eigene Generation in eine Falle getappt sei. Man verstand sich immer als Opposition, als Gegenbewegung, als Ruhestörer. Man habe den Rollenwechsel nicht geschafft. Es ginge heute darum, für die Bewahrung gewisser Werte zu kämpfen. Werte, die frühere Generationen erstritten und in unserer freiheitlichen Verfassung verankert haben – wie Artikel 8 der Bundesverfassung ('Alle Menschen sind vor dem Gesetze gleich.'), Artikel 15 ('Die Glaubens- und Gewissensfreiheit ist gewährleistet.') oder Artikel 21 ('Die Freiheit der Kunst ist gewährleistet.'). Wenn sich unsere Gesellschaft wie in der letzten Zeit weiter von diesen Werten entferne, mit welcher Geschwindigkeit auch immer, dann werde sie keine Zukunft haben.

 

Die Musikerin Annalena Fröhlich entführte die Zuhörer mit ihren stimmig-sehnsüchtigen Akkordeon-Einlagen in ein Land der entschleunigten Klänge. Fröhlich arbeitet als freischaffende Musikerin, Tänzerin und Komponistin, mit Engagements in den Sparten Theater, Tanz und Film.

Lukas Bärfuss’ Rede war die letzte von vier „Lenzburger Reden zur Zeit“ im Rahmen der Ausstellung „nonstop“ – nach Stimmen der Politik (Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf), Wissenschaft (Professor Hartmut Rosa), Wirtschaft (Professorin Jacqueline Fendt), bildete diejenige der Kultur den Abschluss.  

 

 

Zur Finissage von „nonstop“ feiert das Stapferhaus mit seinen Besuchern übrigens sein 50-jähriges Jubiläum - am Wochenende des 26./27.Juni gibt es deshalb stündlich eine Überraschung – rund um die Uhr; nonstop eben.

 

Vergangene Reden

Time is money 

Jacqueline Fendt; Professorin für Strategie und Unternehmertum an der ESCP Europe Business School

Vom Rennen an Ort und Stelle

Harmut Rosa, Soziologieprofessor an der Universität Jena 

Über das Tempo in der Politik

Eveline Widmer-Schlumpf, Bundesrätin